Der Soziologe Florian Butollo widerspricht der verbreiteten Sorge, künstliche Intelligenz werde massenhaft Arbeitsplätze vernichten. In seinem Buch Das knappe Gut Arbeit und im Philosophischen Radio von WDR 5 legt er dar, warum die eigentliche Knappheit der kommenden Jahre bei den Arbeitskräften liegt. Der Beitrag fasst seine These zusammen und fragt, welche Debatte daraus für den Mittelstand folgt.
Die Sorge, dass künstliche Intelligenz in kurzer Zeit ganze Berufsgruppen verschwinden lässt, gehört aktuell ja zu den lauteren Erzählungen über die Zukunft. In der Sendung Das philosophische Radio von WDR 5 hat der Soziologe Florian Butollo diesem Sprech (in der Ausgabe vom 01.06.2026) eine ruhigere Perspektive entgegengesetzt.
Im Gespräch entlang seines neuen Buchs Das knappe Gut Arbeit formuliert er eine zentrale Beobachtung: Arbeit bleibt im Überfluss vorhanden, knapp werden nur die Menschen, die sie verrichten (können).
Butollo ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Digitale Transformation und Arbeit an der Goethe-Universität Frankfurt und forscht seit Jahren in Betrieben zu den Folgen der Automatisierung. Sein Befund kommt also aus Empirie, aus Werkhallen und Büros, in denen er war, um zu sehen, was dort wirklich geschieht. Erwartet hatte er eine Wirklichkeit, in der durch Automatisierung Arbeit wegfällt. Gefunden hat er nach eigener Schilderung das Gegenteil: einen flächendeckenden Mangel an Fachkräften, der dazu führt, dass überhaupt erst automatisiert wird.
Eine alte Prophezeiung
Die Erwartung, dass Maschinen den Menschen die Arbeit abnehmen, ist, wie wir wissen, nicht neu. Butollo erinnert daran, dass sie beinahe so alt ist wie der Kapitalismus selbst. Karl Marx spekulierte im sogenannten Maschinenfragment über die vollautomatisierte Fabrik, in den 1930er Jahren sagte der Ökonom John Maynard Keynes eine Zukunft voraus, in der eine Fünfzehn-Stunden-Woche zum Erhalt des Wohlstands genügen würde, und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel illustrierte beinahe jede technische Welle, vom Roboter über den Personal Computer bis zur generativen KI mit demselben Versprechen einer arbeitsfreien Zukunft.
Eingetreten ist bislang das Gegenteil. Historisch arbeiten heute so viele Menschen wie nie zuvor und die Arbeitswelt klagt häufiger über Überlastung als über Leerlauf. Mit dabei: die Automatisierung. Und dort, wo automatisiert wurde, entstand gleichzeitig auch immer neue Arbeit.
Warum Automatisierung Arbeit schafft
Den Kern seines Buchs bildet, wie er sagt, die Frage, warum nach mehr als hundertfünfzig Jahren Automatisierung mehr Arbeit existiert als je zuvor. Seine Antwort verschiebt den Zeiger von der Technik auf die Entstehung gänzlich neuer Tätigkeiten. Denn: Wo automatisiert wird, wachsen an anderer Stelle neue Branchen, neue Aufgaben und Anforderungen heran, sodass das gesamte Arbeitsvolumen einer Gesellschaft zunimmt.
Bei der generativen KI, also Systemen, die Texte, Bilder oder Programmcode selbst erzeugen, beobachtet er denselben Mechanismus. Die Technik nimmt Teilaufgaben ab und eröffnet zugleich einen großen, neuen Raum von Möglichkeiten, in dem wir Menschen Dinge tun, die es zuvor gar nicht gab.
Belege dafür findet Butollo gerade dort, wo die Automatisierung am weitesten fortgeschritten ist: in der Programmierung. Das sei nämlich ein Beruf, der sich seit jeher selbst automatisiert. Auch in der Automobilindustrie, in die historisch der größte Teil aller Robotik geflossen ist, blieb die Beschäftigung über Jahrzehnte stabil, weil die Produkte komplexer wurden und neben der Arbeit am Band mehr Ingenieurs- und Softwaretätigkeit entstand.
Beim beliebten Beispiel der Medizin relativiert Butollo. Vom vollständigen Ersatz ärztlicher oder pflegerischer Arbeit sei die Praxis weit entfernt. KI und Robotik wirkten dort ergänzend, wo Mensch und Maschine sich gegenseitig kontrollieren. Pflegerobotik wiederum ersetze keine einzige Pflegekraft, weil die menschliche Interaktion und die Vielseitigkeit der Tätigkeit sich technisch kaum nachbilden lassen.
Was sich allerdings verändert, ist die Art der Arbeit. In immer mehr Feldern verlagert sie sich vom eigenen Handgriff hin zum Anweisen und Prüfen der agierenden KI, ein Vorgang, den Butollo mit dem Bild eines virtuellen Cockpits beschreibt: Der Mensch steuert und kontrolliert, was die Maschine ausführt.
Die Lage im Mittelstand
Wer im Mittelstand unterwegs ist, kennt die Realität, die Butollo beschreibt. In Werkstätten, Pflegeeinrichtungen, Logistikbetrieben und Verwaltungen ist der Mangel an Fach- und Arbeitskräften seit Jahren das beherrschende Thema. Automatisierung wird dort meist eingeführt, um die fehlenden Hände auszugleichen. Der aktuelle Stellenabbau in Teilen der Industrie erklärt sich nach Butollos Darstellung vor allem aus der konjunkturellen Lage, aber ein verbreiteter Reflex schreibt ihn aktuell vorschnell der KI zu.
Dasselbe gilt für die oft gehörte Behauptung, KI vernichte die Einstiegsjobs junger Menschen. Den Rückgang solcher Stellen führt er auf die wirtschaftlich schwierige Lage zurück, in der Unternehmen zurückhaltend einstellen. Sein Rat lautet an dieser Stelle, genauer hinzusehen, sobald eine entstehende Arbeitslosigkeit der Technik angelastet wird.
Der eigentliche Engpass und die Lösung
Die treibende Kraft der kommenden Jahre ist für Butollo der demografische Wandel. Mit dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand werden dem deutschen Arbeitsmarkt über die nächsten Jahre mehrere Millionen Erwerbstätige fehlen, und mit ihnen verlässt erfahrenes Wissen die Betriebe. Daraus ergibt sich die eigentlich entlastende Botschaft des Buchs. Eine Zukunft ohne Arbeit steht nicht bevor. Der Konflikt, der bevorsteht, dreht sich um die Verteilung der nur noch knappen Arbeitskräfte.
Genau hier wird Butollos Analyse zuversichtlich. Wenn Arbeitskraft knapp wird, lohnt sich die Frage, wofür eine Gesellschaft sie einsetzen will. Jede KI, die Arbeitskräften Routine abnimmt, könnte Kapazität für wichtigere Tätigkeiten freisetzen, vorausgesetzt, die Gesellschaft trifft die Entscheidung, sie dorthin zu lenken.
Was für den Mittelstand bleibt
Wer Personal sucht und kaum findet, erkennt in KI und Automatisierung weniger eine Bedrohung der Arbeitsplätze als ein Mittel, das vorhandene Team von Routineaufgaben zu entlasten.
Eine offene Flanke bleibt der Zeithorizont. Butollos Analyse beschreibt die Gegenwart und die näheren Jahre, in denen KI überwiegend im Bildschirm arbeitet und den Menschen als Gegenüber braucht. Wie sich das Bild verschiebt, sobald KI über humanoide Roboter einen Körper bekommt und in Werkhallen, Lager und Haushalte einzieht, ist eine eigene Frage mit eigenem Zeitplan.
QUELLEN:
- WDR 5, Das philosophische Radio mit Jürgen Wiebicke: „Florian Butollo: Wie KI die Arbeitswelt verändert“, Juni 2026 (ARD Audiothek / WDR 5).
https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-das-philosophische-radio/index.html - Florian Butollo: Das knappe Gut Arbeit. Automatisierung, Arbeitskräftemangel und sozialer Konflikt. edition suhrkamp 2815, Berlin 2026. https://www.suhrkamp.de/buch/florian-butollo-das-knappe-gut-arbeit-t-9783518128152
- Eigener Beitrag hier au der Seite zum Stand der humanoiden Robotik im Mittelstand.
https://camelly.de/humanoide-roboter-im-mittelstand-stand-der-technik/